Wie Open-Source-Konferenzen und -Communitys dafür sorgen, dass bei uns sichere, zuverlässige und innovative Software läuft, von zuhause bis ins Rechenzentrum. Dieser Artikel stellt einige davon vor und zeigt, wie groß die inhaltliche Bandbreite dabei ist.
„Wir in Bayern brauchen gar nicht nach Schleswig-Holstein zu schauen, wir machen Open-Source-Desktops schon seit den 60er Jahren“, brüstete sich
der bayerische Finanzminister Füracker Anfang des Jahres. Ein offener Brief (initiiert auch von IT-Works-CEO Rudolf Strobl) hatte erfolgreich mehr Open-Source-Software, mehr digitale Souveränität, mehr Teilhabe, weniger Microsoft und weniger proprietäre Produkte in Bayerns Amtsstuben gefordert. Anlass dafür war die Planung der bayerischen Staatsregierung, still und heimlich eine weitere Milliarde Steuer-Euros in die USA, nach Redmond, zu überweisen, und dafür den bestehenden Rahmenvertrag um Teams, Cloud und KI zu erweitern –
ohne Ausschreibung. Doch davon fühlten sich zahlreiche (im Falle des offenen Briefes über 160 unterzeichnende) bayerische Firmen übergangen.
Lobbydruck
Viele von ihnen sind kleine und mittelständische Softwarefirmen, die sich in Verbänden organisieren gegen die schier übermächtigen und von der großen Politik scheinbar stets bevorzugten US-Konzerne. Doch nicht nur in der Politik scheint der Glaube weit verbreitet, Innovation finde eher in Konzernen statt. Ein Eindruck, den Heerscharen an hochbezahlten Firmen-Lobbyisten allzu gerne hinterlassen. In Berlin und Brüssel gibt es von ihnen laut Lobbyregister weitaus mehr als Parlamentarier. Abseits von Organisationen wie der Open Source Business Alliance (OSBA), dem Open Forum Europe oder der OSSBIG in Österreich und ihren Partnerorganisationen findet jedoch nur wenig Lobbyismus pro Open Source statt – ein Ungleichgewicht, das ja auch zur Gründung der jeweiligen Organisationen führte.
Auf den OSS-Konferenzen spielt die Musik
Doch wer einmal auf einer größeren Open-Source-Konferenz war, bemerkt schnell, wo die wirkliche Innovation stattfindet. Abseits von Marketing- und Sales-Versprechen, meist mit weitaus weniger Personenkult ausgestattet, erfährt man hier viel mehr über das, was die Computerwelt in 5 oder 10 Jahren
prägen könnte. So ist beispielsweise auch das unten erwähnte Fediverse, die Alternative zu den sozialen Netzwerken der US-Konzerne, schon 2019 und vorher auf solchen Konferenzen entstanden. Heute nutzen es ca. 20 Millionen Menschen. Die Geschichte von Linux, LibreOffice, Firefox, Thunderbird, Apache und vielen anderen Projekten verlief ebenso. Ob Cloud, KI, Big Data, Web 3.0 – kein Buzzword der letzten 30 Jahre wäre ohne Open Source und seine Events denkbar.
Und auch die großen Konzerne geben sich auf den Konferenzen ein Stelldichein: Seit vielen Jahren sind Microsoft, Intel, Google, Amazon und andere Platinsponsoren vieler Open-Source-Events. Spätestens seit dem „Ritterschlag“ durch IBM Anfang des Jahrtausends, als Big Blue bekannt gab, erstmals eine
Milliarde in Open Source zu investieren, hat jeder Konzern, proprietär oder nicht, eine OSS-Strategie.
Experten sind sich einig: Ohne freie Software gäbe es kein Facebook, kein Google, kein X und selbst in der Azure-Cloud von Microsoft läuft mehrheitlich Linux. Ob Open Source das bessere Entwicklungsmodell ist, ist keine diskutierenswerte Frage mehr. Dementsprechend selbstbewusst gibt sich die Gemeinschaft aus Entwicklern, Firmengründern, Evangelisten, Konzernen und Open-Source-Lobbyisten auf zahlreichen Veranstaltungen. Und weil das Thema „digitale Souveränität“ mittlerweile auch in der hohen Politik als sicherheitsrelevant angekommen ist, sieht man auch in Brüssel, Berlin, Paris oder anderswo mehr und mehr hochrangige Politiker und Wissenschaftler auf den Podien.
Europas größtes OSS-Entwicklerevent: FOSDEM
Die Bandbreite der Konferenzen ist dabei durchaus beachtlich, die Zielgruppe reicht vom Auszubildenden bis zum CEO oder Parlamentarier. 2026 war beispielsweise ein Jahr voller Events, von der eher technisch orientierten (aber stetig ausufernden) FOSDEM Anfang des Jahres bis zum anstehenden, medienträchtigen Spektakel des Chaos Communication Congress nach Weihnachten.
Für die, deren Fokus auf Politik, Europa und nachhaltiger Strategie liegt, bieten sich hochkarätige Veranstaltungen wie der Digital Resilience Summit in Paris Anfang Dezember oder die Open Source Conference Luxembourg an. Und dann, wenige Wochen später, kommt ja schon wieder die FOSDEM 2027.
Einmal im Jahr, immer Ende Januar oder Anfang Februar, treffen sich hier Tausende Free-, Libre- und Open-Source-Entwickler, Aktivisten (FLOSS), Firmen und Anwender für ein Wochenende an der Freien Universität Brüssel (LUB), um in Hunderten Vorträgen ihre Ideen vorzustellen und zu diskutieren. Hier geht man hin, wenn man wie Lennart Poettering damals Systemd vorstellen will, dabei einen mittleren Shitstorm für die eigenen Ideen erwartet, aber dennoch weiß, dass es auch viele Supporter vor Ort geben wird. Die Diskussionen sind vielleicht manchmal lautstark, aber auf jeden Fall konstruktiv, in Brüssel gibt es den technischen und strategischen Input für die eigenen Architekturideen. Dementsprechend gilt die FOSDEM als der Maschinenraum des Internets und der ganzen FLOSS-Bewegung.
Und sie wird immer größer: Im FOSDEM „Fringe“ finden sich mittlerweile bald zwei Wochen Vorträge mit Politikern des EU-Parlaments, aber auch aus der europäischen und US-Politik. Einen Eindruck von der thematischen Breite der FOSDEM 2026 vermittelt auch der Rückblick bei Golem. Alle Vorträge werden aufgezeichnet und sind schon wenige Tage nach der FOSDEM online verfügbar, das Videoarchiv ist nach über 20 Jahren umfangreich geworden.
An den Universitäten
Eine Nummer kleiner, aber nicht weniger innovativ geht es auf Veranstaltungen wie den Chemnitzer oder Grazer Linux-Tagen oder bei der FrOSCon in Bonn zu. Jeweils an der technischen Fakultät der lokalen Universität ausgetragen, bietet sich hier die Gelegenheit, an einem Wochenende voller technischer und visionärer Vorträge auch mal den einen oder anderen Open-Source-Promi oder -Anbieter in ein persönliches Gespräch zu verwickeln. Auch Informatikprofessoren finden sich da regelmäßig, auf dem Podium oder als Gast.
Dabei haben auch Vorträge der kleinen lokalen Events wie der Augsburger Linux-Infotag im Mai, der IT-Tage von Informatik Aktuell im Dezember oder die Dornbirner Linuxtage (im September) durchaus Wirkung jenseits der lokalen Community.
Direkt vor Ort: Auch kleine Events sind voller Inhalte
Nicht selten testen prominente Linux-Veteranen hier ihre späteren Keynotes (auch oft, weil da nicht alles aufgezeichnet wird). Die überarbeiteten Vorträge hält man dann später auf den „großen“ Events, wo sich auch die Medien ein Stelldichein geben. Während die Open-Source-Communitys sich auf Events wie der FOSDEM trotz regelmäßig über 8000 Besuchern weitgehend „unter sich“ wähnt, so kommen doch die Fernsehteams eher zur Re:Publica,oder zum Chaos Computer Club (CCC) in der meist berechtigten Hoffnung, hier sensationelle Hacks oder besonders visionäre Vorträge zu sehen, über die man auch mal um 20:00 Uhr in der Tagesschau berichten kann. Nicht nur deshalb sieht man dort auch Digitalminister und Innenminister als regelmäßige Gäste. Übrigens: Das Medienarchiv des CCC ist ebenfalls eine großartige Anlaufstelle für Vortragsvideos. Mit kuriosen Folgen: Zu den großen Open-Source Konferenzen reisen viele Besucher nicht unbedingt wegen der Vorträge an, sondern wegen der Gespräche. „Deinen Vortrag schaue ich mir später an, ich hab ne andere Frage/Kritik…“ ist ein Standardsatz in Brüssel, Chemnitz, Graz, Berlin oder Hamburg. Es geht ums Vernetzen, Reden, Diskutieren und Verbessern. Nicht selten entstehen spannende Projekte aus genau solchen initialen Unterhaltungen.
Bunt, schrill und vielerorts
Doch so zu tun, als wäre die Open-Source-Community so homogen, dass man nur auf eine Konferenz müsse, um alle relevanten Player zu treffen, das wäre schlicht blauäugig. Und die Open-Source-Welt besteht ja auch aus viel mehr als nur aus Software-Entwicklern, die sich um Server, Betriebssysteme, Clouds oder KI kümmern. Wer beispielsweise die Entwickler des KDE-Desktops treffen will, der war dieses Jahr in Graz bei der alljährlichen Akademy dabei. Der Gnome-Desktop traf sich in Galizien und auf dem Linux App Summit ging es in Berlin um das große Bild: Wohin entwickelt sich der Desktop, was werden die User-Interfaces der Zukunft? Unter den Sponsoren auch hier die Firmen und Verbände mit großem Marketingbudget: Die Linux Foundation, SUSE, Nextcloud und der Hardwarehersteller Tuxedo finanzieren gerne derlei Events. Sowohl SUSE als auch Nextcloud veranstalten jedes Jahr auch eigene Enterprise- und Community-Events (SUSECON, openSUSE-Konferenz, Nextcloud Summit) mit hunderten, teils tausenden Besuchern.
Wikipedia und das Fediverse
Aber auch ganz abseits der reinen Software zeigt sich die OSS-Welt höchstinnovativ. Im September traf sich die Welt der Wikipedia zur deutschen WikiCon 2026 in Regensburg, auch um Probleme und Lösungen, die durch die Bedrohungen beispielsweise durch KI entstanden, anzugehen. KI klaut Inhalte und verschlimmbessert Einträge auf Wikipedia. Wie man da wieder vor die Welle kommen könne, war ein großes Thema auf der Konferenz – wie auch die Anonymität von Beiträgen. Wer dem Dissidenten das Bearbeiten erlauben will, läuft Gefahr, durch KI mit „Slop“ zugemüllt zu werden.
In einem gemeinsamen Panel diskutierte man dazu über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zum beziehungsweise mit dem Fediverse. Dieses freie, sichere, datenschutzkonforme und ethisch vertretbare Soziale Netzwerk mit dem bekannten Twitter-Ersatz Mastodon tritt an, um die sozialen Netze der US-Konzerne abzulösen, und hatte wenige Tage vorher seine eigene Konferenz in Berlin. Auf dem dortigen Fediday herrschte eine ganz besondere Aufbruchsstimmung, wie sie in Zeiten von Polykrisen selten geworden ist. Doch das algorithmenfreie soziale Netzwerk des Fediverse mit dem Open-Source-Protokoll ActivityPub dahinter sieht sich nicht nur als Hort der freien Meinungsäußerung, sondern auch als „Community der Communitys“ und klares Gegengewicht zu den stetig radikalisierenden, politischen und gesellschaftsgefährdenden Netzwerken von zunehmend rechtspopulistischen US-Milliardären.
Mehr und mehr Firmen, Universitäten, Bibliotheken und Kommunen wechseln
derzeit ins Fediverse, etwa zu Mastodon, Pixelfed oder Peertube, weil es für sie moralisch nicht mehr vertretbar ist, X, Facebook, Instagram oder WhatsApp zu empfehlen. Dementsprechend beteiligen sich zahlreiche NGOs an der Organisation des Fedidays. Die Stimmung ist überaus positiv – man merkt, es bewegt sich etwas.
Fazit: Konferenzen ohne Ende
Man könnte noch viele weitere Events nennen: Fast jede Großstadt, Universität und jeder Hackerspace, von Irland bis Griechenland, von Spanien bis Finnland, veranstaltet heute eine eigene Open-Source-Konferenz. Anders als bei Konzernen ist hier eben eine Community an der Arbeit, die sich vernetzt und deren Mitglieder sich vielleicht ausschließlich auf den Events persönlich sehen, oft auch ohne Gewinnerzielungsabsicht, einfach weil man etwas verbessern will oder besorgt auf manche Entwicklungen sieht, allen voran Datenschutz, KI, Überwachung oder die Radikalisierung ganzer Gesellschaften und den Verfall von Demokratien.
Überraschenderweise ist das Mindset dabei wiederum sehr homogen, in ganz Europa. Man vernetzt sich ganz normal über Mastodon, Matrix und Co., die proprietären Dienste sind weitgehend verpönt. Windows sieht man immer seltener, und auf den Servern läuft ohnehin nur Linux und freie Software – wie bei IT-Works, die seit den 90er Jahren mit CoreBiz arbeitet.
(Disclaimer: Diverse verlinkte Artikel stammen ebenfalls vom Autor dieses Posts)