In Europa geht ein Gespenst um, das in proprietärer Software haust: die Angst vor dem „Kill-Switch“. Selbst schuld, könnte man da sagen, denn in Open Source wäre das nicht möglich. Ganz so einfach ist das aber nicht.
Notausschalter
Der „Kill-Switch“ ist eigentlich allgegenwärtig. RAL-3001-rot und so groß, damit man ihn auch im Notfall mit der Faust bedienen kann, prangt er als „Nothaltschalter“ oder „Notaus“ an Millionen Maschinen in der Industrie und überall dort, wo es darauf ankommt, schnell den Betrieb anzuhalten, wenn irgendwas nicht so läuft wie beabsichtigt.
Im Falle des „Kill-Switch“ in Software bekommt das „beabsichtigt“ eine weitere Dimension, weil hier jemand (in der Regel der Hersteller) mit so einer Funktion gegebenenfalls auch aus der Ferne schnell mal den Betrieb stoppen kann oder könnte. Das kann bei Software auf viele unterschiedliche Weisen geschehen.
Bei Open Source nur schwer denkbar
Bei Open-Source-Software unmöglich, stehen viele proprietäre Anbieter, vor allem die großen Konzerne, schon lange im Verdacht, einiges in ihrem für den Anwender nicht zugänglichen Programmcode zu verstecken, eben auch ein Remote-Kommando, das zum sofortigen Einstellen der Funktionalität führt. Derlei fiele in freier Software schnell auf und ließe sich von Anwendern und Entwicklern deaktivieren.
Gegen solche Ängste hilft freie Software, idealerweise von lokalen Anbietern. Der Umstieg hat sich zum regelrechten Trend entwickelt, schreibt auch die Wirtschaftswoche. Doch nicht immer braucht es ein Remote-Kommando auf dem Client, es reicht auch aus, einen Server auszuschalten, wenn man es nur richtig macht. Aber wenn das ein Hersteller übernimmt, startet häufig auch ein Exodus von seinen Produkten, wie ihn Open-Source-Anbieter derzeit erleben.
Ein ganzes Land ohne Adobe
Im Mainstream wurde das Problem ab 2019 bekannt, als US-Hersteller Adobe im vorauseilenden Gehorsam alle Accounts seiner venezolanischen Kunden deaktivierte (englisch-sprachige Quelle: BBC). Es lag offiziell an Präsident Maduro (der heute nach Invasion in US-Haft sitzt) und US-Vorschriften, dass von einem Tag auf den anderen kein Einwohner Venezuelas mehr Zugriff hatte auf die Creative Suite mit Photoshop und InDesign des Quasi-Monopolisten für Grafiksoftware.
Weil die nur mit stehender Verbindung zu einem Lizenzserver startet, hat der Hersteller ebenfalls volle Kontrolle darüber, wer wo und wann Photoshoppen darf oder nicht. Dumm nur, dass Adobe anscheinend eine Handelsboykottregulierung überinterpretierte und im Nachhinein gar nicht aktiv hätte werden müssen. Den Usern half das nicht.
In den folgenden Jahren wurde das Beispiel immer wieder aufgegriffen. Auf Bühnen, in Podcasts oder Videos thematisiert, warnten Sicherheitsexperten und Open-Source-Software-Evangelisten vor dem Paradebeispiel für Abhängigkeiten und Kill-Switches. Kein Wunder, dass sich zunehmend mehr Kunden fragten, wo denn ihre „Notausschalter“ angesiedelt wären.
Angriff auf die Justiz
Wie es aussehen kann, wenn ein Staatspräsident den Daumen senkt, mussten acht prominente Juristen des Internationalen Strafgerichtshofs 2025/26 erleben. Seit mittlerweile einem Jahr wurden sie von den USA für ihre Arbeit bestraft und von zahllosen US-Diensten ausgesperrt. „Das betrifft den ganzen Alltag“, berichtet Richter Nicolas Guillou beim österreichischen Kurier.
Erzwungenes Leben ohne US-Dienste?
Amazon, Airbnb, Paypal, Master: Faktisch sei er vom internationalen Zahlungssystem ausgeschlossen. Der Grund? „Sein“ Strafgerichtshof hatte sich für einen Haftbefehl gegen Benajmin Netanjahu ausgesprochen. Das missfiel der US-Regierung und sorgte für mediale Empörung, die erneut hochkochte, als US-Präsident Trump ein Auge auf Grönland warf, den Iran angriff und Kuba bedrohte.
Apropos Krieg und Militär: Das Gerücht, der US-Kampfjet F-35 habe ebenso einen Kill-Switch, mit dem sich das Kampflugzeug deaktivieren ließe, ist laut niederländischem Verteidigungsminister unbegründet. Zwar müssten alle Softwareupdates auf Basen in den USA eingespielt werden, aber einen Kill-Switch gebe es nicht.
Absicherung beim F-35
Viele Länder haben den Fighter gekauft. Es würde wenig verwundern, wenn die USA ihren TOP-Fightern eine kleine „Zusatzfunktion“ verpasst hätten, die den Einsatz gegen die USA verhindert. „Nicht alle davon“ hätten einen solchen Notausschalter, schreibt MSN. Und der niederländische Verteidigungsminister vergleicht das, was seine Experten gefunden hätten, eher mit einem iPhone, das sich „jailbreaken“ lasse – also gegen den Herstellerwillen von Einschränkungen befreien.
Open Source boomt, auch aus Sorge vor dem Kill-Switch
Was lernen wir daraus? Mehr und mehr Anwender, Firmen und Behörden realisieren die Gefahr übergroßer Abhängigkeit, die der Einsatz von proprietärer Software mit sich bringt. Software von der Stange, Code, den niemand einsehen kann, zwingend notwendige (Lizenz-)Server mit hart codierten Adressen oder gleich vernagelte Hardware: Die Gefahr solcher Systeme ist als Sorge im Mainstream angekommen. Wer heute vertrauenswürdige Alternativen anbieten kann, ist dem Markt voraus – wir tun das seit 1999. Sie kennen unser Portfolio noch nicht? Hier erfahren Sie, womit wir Unternehmen unabhängig von proprietären Anbietern halten.