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Wikipedia, das kuratierte Gegenmodell zum KI-Zeitalter, feiert 25-jähriges Jubiläum

Erinnern Sie sich noch, wie Recherche vor Wikipedia aussah? Wer Mitte der Neunziger etwas nachschlagen wollte, zog den Brockhaus aus dem Regal, ging in die Stadtbibliothek, um Zeitungsarchive und Fachliteratur zu durchforsten – oder hoffte, dass irgendjemand im Bekanntenkreis zufällig Bescheid wusste.

Das änderte sich am 15. Januar 2001, als Internetunternehmer Jimmy Wales und Projektentwickler Larry Sanger Wikipedia gründeten (ZDFheute). Die Idee war schlicht verrückt: Jeder darf mitmachen, niemand wird bezahlt, und am Ende soll dabei eine zuverlässige Enzyklopädie herauskommen – kostenlos, für alle zugänglich, rund um die Uhr verfügbar. Was viele damals als naiven Idealismus abtaten, ist heute eine der meistbesuchten Websites der Welt.

Ein Vierteljahrhundert Schwarmintelligenz

25 Jahre später umfasst allein die deutschsprachige Wikipedia über drei Millionen Artikel – die zweitgrößte Sprachversion weltweit, direkt hinter dem Englischen mit 7,1 Millionen Einträgen (ZDFheute).  Fast 250.000 Freiwillige weltweit schreiben, prüfen und verbessern Artikel – ehrenamtlich, aus reiner Überzeugung. Wikimedia Deutschland feiert das Jubiläum als Beleg für ein Modell, das die Welt des freien Wissens dauerhaft verändert hat.

Der meistbearbeitete deutsche Artikel ist übrigens „COVID-19-Pandemie in Deutschland“ mit rund 19.500 Bearbeitungen, gefolgt von „Deutschland“ mit 18.000 Bearbeitungen. Auf Platz drei landet Schweinfurt – mit über 14.000 Überarbeitungen zieht die fränkische Stadt mehr Wikipedia-Aufmerksamkeit auf sich als Berlin oder Hamburg. Ein schöner Beleg dafür, dass Schwarmintelligenz eigene Prioritäten setzt. (Netzwelt)

„Der erste fängt an, der nächste ergänzt, der dritte verbessert“ – und heraus kommt ein kollaborativer Text für die ganze Welt.So beschrieb Digitalexperte Markus Beckedahl das Prinzip im ZDF. (Borns IT-Blog)

KI-Slop: Wenn Masse Qualität ersetzt

Doch das Jubiläum fällt in das KI-Zeitalter. Wer heute schnell etwas wissen will, fragt immer öfter einen KI-Chatbot statt Wikipedia – mit messbaren Folgen: Seit dem Start von ChatGPT Ende 2022 sind die Abrufzahlen um rund acht Prozent gesunken. (Tagesschau.de) Paradoxerweise ist Wikipedia gleichzeitig nach wie vor eine der wichtigsten Quellen, auf denen viele dieser KI-Antworten basieren. Die Enzyklopädie speist die Konkurrenz, die ihr dann die Leserinnen und Leser wegnimmt. (Notebookcheck)

Erschwerend kommt hinzu, womit das gesamte Netz zu kämpfen hat: KI-Slop. So nennt man die Flut minderwertiger, maschinell generierter Inhalte, die heute weite Teile des Internets überschwemmen. Das sind Artikel ohne Quellen, Fakten ohne Beleg, Texte ohne Autor, auf den ersten Blick kaum von echten Inhalten zu unterscheiden. Merriam-Webster kürte „Slop“ 2025 zum Wort des Jahres in den USA; laut der Analysefirma Meltwater stiegen die Erwähnungen des Begriffs um das Neunfache gegenüber dem Vorjahr.

Für Wikipedia ist das eine seltsame Situation: Die Plattform ist eine der letzten Inseln kuratierter, von Menschen geprüfter Inhalte, und muss gleichzeitig um Aufmerksamkeit kämpfen in einem Netz, das von automatisch generiertem Rauschen dominiert wird.

Warum Wikipedia heute wichtiger denn je ist

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales brachte es im ZDF-Interview auf den Punkt: „Am Anfang haben viele Wikipedia als eine Art Witz betrachtet. Doch heute gehört die Plattform zu den wenigen Dingen, denen Menschen weitgehend vertrauen.“ (ZDFheute)

Das klingt in einer Zeit, in der Inhalte schneller produziert als geprüft werden, fast altmodisch. Aber genau das ist es, was Wikipedia von der KI-Slop-Flut unterscheidet: Hinter jedem Artikel stecken echte Menschen, die diskutieren, prüfen, zweifeln und korrigieren. Ein Prinzip, das 2001 wie ein Experiment wirkte,und das Internet seither ein kleines bisschen besser macht.

Vielleicht sollte man das öfter zu schätzen wissen. Am besten, bevor man das nächste Mal reflexartig den KI-Chatbot fragt.

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