OpenAI hat einen weiteren Schritt in Richtung Kommerzialisierung gemacht: Seit dem 5. Juni 2026 ist der neue Ads Manager unter ads.openai.com für Unternehmen in den USA freigeschaltet. Werbetreibende jeder Größe können damit erstmals ohne Mindestetat oder Agentureinschaltung direkt Werbeplätze in ChatGPT buchen und verwalten. (Quelle: Ad-hoc-news.de)
Bereits im Januar 2026 hatte OpenAI angekündigt, die kostenlosen Tarife künftig über Anzeigen zu finanzieren – und vollzog damit einen bemerkenswerten Strategiewechsel. Firmengründer und CEO Sam Altman war früher strikt gegen Werbung in den Chats. In einigen Interviews und Podcast-Auftritten hatte er jedoch zunehmend eingeräumt, Werbung „irgendwann“ ausprobieren zu wollen, und nannte Instagram als Beispiel für Reklame, die nützlich sein könne, wenn sie gut gemacht sei. (Quelle: Der Spiegel)
Was ändert sich konkret für Nutzer?
Laut OpenAI erscheinen Anzeigen am Ende der Chatbot-Antworten und werden deutlich als Werbung gekennzeichnet. Betroffen sind die kostenlose Variante sowie der neue Einsteigertarif ChatGPT Go (8 US-Dollar pro Monat). Die teureren Abonnements – Plus, Pro, Business und Enterprise – bleiben werbefrei. Minderjährige sehen keine Werbung, ebenso wenig erscheinen Anzeigen bei sensiblen Themen wie Politik, Gesundheit oder psychischer Gesundheit. (Quellen: Tagesschau, Berliner Zeitung)
OpenAI macht dabei klare Versprechen: „Werbung beeinflusst niemals die Antworten von ChatGPT“, heißt es im offiziellen Blogbeitrag des Unternehmens. Chatverläufe und Nutzerdaten würden nicht an Werbetreibende weitergegeben. Personalisierung könne abgeschaltet, für Werbung verwendete Daten könnten jederzeit gelöscht werden. (Quelle: Der Spiegel)
Erste Erfahrungen aus der Praxis: gemischte Bilanz
Wie die Praxis aussieht, zeigen erste Berichte aus den USA, wo das Pilotprogramm im Februar 2026 startete. Der SEO-Experte Glenn Gabe berichtete auf X, mit seinem Free-Account bei nahezu jedem neuen Prompt Werbung zu sehen – unabhängig vom Thema der Anfrage. Emily Forlini berichtete für PC Mag von Anzeigen, die teils den gesamten Bildschirm einnahmen und den Gesprächsverlauf kaum noch erkennbar ließen. Eine Werbeanzeige für das Design-Tool Canva erschien bei ihr im Rahmen einer Diskussion über Designthemen – obwohl sie nach eigenen Angaben weder Canva besucht noch Designpläne geteilt hatte. Das Fazit: Die Anzeigen seien „zum Teil ablenkend und unpassend“ und liefen damit dem eigenen Versprechen von OpenAI zuwider, Werbung als „hilfreiche Ergänzung“ einzuführen. (Quelle: t3n)
Auch auf Seiten der Werbetreibenden gab es früh Skepsis: Agenturen, die für Advertiser auf ChatGPT arbeiteten, berichteten gegenüber The Information, dass sie zunächst keine nachweisbaren Geschäftsergebnisse aus den Anzeigen ableiten konnten. Automatisierter Einkauf von Werbeinventar und verlässliche Erfolgsmessung fehlten in der Anfangsphase noch. (Quelle: t3n)
Wachstums- und Umsatzziele
OpenAI hat dennoch hohe Erwartungen an das neue Erlösmodell. Nach Angaben des Unternehmens erzielte das Pilotprogramm nach weniger als zwei Monaten einen annualisierten Umsatz von rund 100 Millionen Euro. Bis Ende 2026 strebt OpenAI Werbeeinnahmen von rund 2,5 Milliarden Euro an – mit einem langfristigen Ziel von bis zu 93 Milliarden Euro bis 2030. Zum Vergleich: Google wird nach Prognosen des Analysehauses Truist allein 2026 Werbung im Wert von rund 252 Milliarden Dollar verkaufen. ChatGPT ist davon noch weit entfernt – aber der Kanal wächst schnell. (Quellen: boerse-express.com, t3n)
Für Deutschland: Noch kein Starttermin
Wann Anzeigen auch in Deutschland und Europa ausgespielt werden, ist bislang nicht bekannt. Branchenbeobachter rechnen aufgrund von DSGVO-Anforderungen und dem EU-KI-Gesetz frühestens mit einem Rollout in der DACH-Region ab 2027. (Quellen: Tagesschau, Der Spiegel, Berliner Zeitung)
Der digitale Werbemarkt im Umbruch
OpenAI betritt mit diesem Schritt einen Markt, den Google und Meta seit Jahren unter sich aufteilen – und in dem auch Microsoft über Plattformen wie Bing und LinkedIn mitmischt. Was dabei oftmals untergeht: Auch Fachmedien und kuratierte Online-Portale finanzieren sich überwiegend über Werbung. Sie konkurrieren künftig nicht nur untereinander um Werbebudgets, sondern auch mit KI-Plattformen, die täglich neue Nutzer gewinnen.
ChatGPT zählt laut Firmenangaben knapp 900 Millionen aktive Nutzer pro Woche. Immer mehr Menschen stellen dort nicht nur Fragen, sondern treffen Kaufentscheidungen, holen Empfehlungen ein oder recherchieren Anbieter. Wer früh präsent ist, organisch oder über Anzeigen, erreicht Nutzer in einem Moment hoher Kaufabsicht, kontextreicher als jede klassische Suchanfrage. Gleichzeitig zeigen erste Erfahrungen aus den USA Anzeigen, die aufdringlich, kontextfremd und ablenkend wirkten, und damit das Gegenteil von dem erreichten, was OpenAI in seinem Blogbeitrag versprochen hatte.
Ob OpenAI damit wirklich eine neue lukrative Werbeplattform für Unternehmen und Selbstständige schafft, bleibt abzuwarten.
Wie sich das auf digitale Marketingstrategien auswirkt – Stichwort KI-Sichtbarkeit und Generative Engine Optimization (GEO) – beleuchten wir in einem eigenen Artikel.