Noch vor wenigen Jahren wäre das undenkbar gewesen: Ein Betriebssystem, auf dem KI-Agenten fast komplett frei schalten und walten, um den Benutzer zu unterstützen und schneller zum Ziel zu bringen. Was dafür nötig ist, klingt für viele jedoch abschreckend: Sekündlich fertigt das System Bildschirmschnappschüsse an, lädt Inhalte in die herstellereigene US-Cloud hoch und analysiert die Screenshots semantisch – sucht also unter anderem auch Text und Bedeutung darin, interpretiert Zusammenhänge und analysiert das Benutzerverhalten. Das sorgt für zunehmend Unmut unter Anwendern.
Zwar hat Microsoft mit Windows 11 schneller als bei Windows 10 die (erste) Milliarde User geknackt, gleichzeitig mehren sich aber Presseberichte, denen zufolge immer mehr Benutzer dem neuen System den Rücken kehren.
Probleme, Probleme, Probleme: Hardware, Performance, Zuverlässigkeit, Datenschutz
Nach den Problemen mit den hohen Hardwareanforderungen, derentwegen Schätzungen zufolge Ende 2026 eine Milliarde PCs mit veralteten, ungeschützten Betriebssystemen unterwegs sein dürften, richtet sich der Ärger jetzt vor allem gegen das KI-Tool Recall, das den oben beschriebenen Funktionen schon recht nahekommt. Kein Wunder, dass sich die Anleitungen, wie man Recall deaktivieren könne, häufen. Vorher gab es noch Ärger wegen Datenschutzbedenken und unverblümter Bekenntnisse von Microsoft-Managern, man könne die Daten der Anwender nicht schützen.

Die Probleme häufen sich, vor allem die Akzeptanz von Recall sinkt, sodass selbst Microsoft mittlerweile laut über einen Strategiewechsel nachdenkt. Außerdem muss sich der Hersteller derzeit mit Performanceproblemen und mangelnder Zuverlässigkeit in Windows 11 beschäftigen, „nach Monaten von Frustration bei Usern“.
Sichere Anwendungen haben Probleme mit dem OS
Damit nicht genug: Auch systematische Sicherheitsprobleme und unbeantwortete Datenschutzfragen stehen derzeit zunehmend im Fokus. Auf dem Chaos Communication Congress 39c3 im Dezember meldete sich auch noch die prominente Signal-Chefin Meredith Whittaker gemeinsam mit „ihrem“ Vice President Udbhav Tiwari zu Wort. In einem eindringlichen Vortrag „39C3 – AI Agent, AI Spy“ (Abbildung 1) beschreiben sie das erschreckende Ausmaß der Problematik: „Mit agentischer KI und Systemen wie Recall ist das Vertrauen zwischen Applikationen und Betriebssystem, das über Jahrzehnte auch mit kryptografischen Tools aufgebaut wurde, dahin“, so die Signal-Präsidentin.
Um sich vor dem Auslesen der sicher verschlüsselten Chat-Inhalte von Signal durch das Betriebssystem zu schützen, übergebe man nur schwarze Rechtecke als Fensterinhalt an die zuständige API, so Whittaker. Das aber breche die Kompatibilität mit Accessibility-Tools wie Screenreadern für Sehbehinderte – die so komplett außen vor blieben.
Angesichts all dieser Probleme scheint es kein Wunder, dass viele Windows-Anwender derzeit skeptisch abwarten und immer mehr von ihnen Linux auch auf dem Desktop ausprobieren oder einen Wechsel forcieren.